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Karrierepfad für jeden Beschäftigten

Arbeiter und Angestellte lassen sich so einsetzen, dass sie auch im Alter leistungsfähig sind / Das Beispiel der schwäbischen Firma Bürkert

  • In Zukunft wird es mehr ältere als junge Menschen geben. Manager und Politiker müssen umdenken. In lockerer Folge beschäftigt sich die FR mit dem Thema Alte und Arbeitsmarkt. Heute: Wie lassen sich Arbeiter und Angestellte so fördern, dass sie auch im Alter noch leistungsfähig sind?

Die Frankfurter Rundschau meldet am 01.09.2004.

VON MICHAELA BÖHM

2020 wird jeder fünfte Erwerbstätige älter als 45 sein. Es wird mehr Ältere in Büros und Produktion geben und sie werden länger arbeiten müssen. Wenn alles so bleibt, wie es ist, werden die alt gewordenen Babyboomer, die heute 35 bis 45 Jahre alt sind, ihr Wissen mit in die Rente nehmen. Was dann fehlt, sind gut ausgebildete Facharbeiter und Ingenieure.

"Wenn es eine Symbiose gäbe, wie bringe ich dem Jungen die Erfahrung bei und dem Alten die neuen Technologien, dann hätte man den idealen Menschen", sagt Gerhard Hettinger, Geschäftsführer der Firma Bürkert. Den idealen Beschäftigten haben die Manager des schwäbischen Familienunternehmens noch nicht gefunden. Aber sie arbeiten daran. Ihr Ziel heißt, das Niveau der Beschäftigten zu heben und sie im Unternehmen zu halten. Denn es ist absehbar, dass schon bald weniger junge Leute die Schulen verlassen werden.

Die Frage: Wie können wir unsere Arbeiter und Angestellte fördern? Wie können wir sie so einsetzen, dass sie auch im Alter noch leistungsfähig sind?

Die Antwort: Für jeden Beschäftigten werden Karrierepfade entwickelt. Was kannst du? Wohin könntest du dich weiterentwickeln? Auch das Management fragt sich: Welche Kompetenz fehlt uns? Wer eignet sich aus der Belegschaft am besten dafür? "Ich muss wissen, welche Potenziale in unseren Leuten schlummern", sagt Hettinger. Einer ist Vereinsvorsitzender, ein anderer Kapitän einer Sportmannschaft. Fähigkeiten, die sich das Management zunutze machen kann. Kompetenz sollte nicht von außen eingekauft, sondern von den eigenen Leuten erbracht werden. "Wir dürfen sie nicht mehr aus dem Lernprozess rauslassen", sagt Personalchef Richard Gebert.

Lernen hilft, gesund zu bleiben

Lernen ist anstrengend, hilft aber, gesund zu bleiben. Das wissen auch andere. Der Betriebsrat von VW Nutzfahrzeuge in Hannover hat herausgefunden, dass Produktionsarbeiter, die gesund in Rente gingen, häufiger die Arbeit gewechselt hatten: neue Abteilung, neue Maschinen, neue Kollegen. Oft nicht freiwillig, sagt Heiko Spieker, Referent beim Betriebsrat. "Doch rückblickend teilten sie uns mit, dass es dazu beigetragen hat, ihre Arbeits- und Leistungsfähigkeit hochzuhalten." Sie haben Vertrauen zu sich selbst gefunden, dass sie Neues lernen und auch Anforderungen bewältigen können, die sie sich nicht mehr zugetraut hatten.

Karriereplanung bei Bürkert bedeutet nicht Aufstieg, sondern oft "nur", auch noch in Zukunft einen Arbeitsplatz zu haben. Das gilt vor allem für Ungelernte - bei Bürkert immerhin jeder Fünfte. Zuviele, fand Betriebsratschef Josef Irsigler. In wenigen Jahren werden die Arbeitsplätze der Ungelernten verschwunden sein, prophezeit er. Gemeinsam mit der Geschäftsleitung - und anfangs gegen den Willen der Meister - hat Bürkert fast 30 Ungelernte berufsbegleitend von Packern zu Teilezurichtern ausgebildet. Alwina Lang war mit 45 Jahren die älteste. Migrantin, ungelernt, immer nur Mini-Jobs. Damit gehört sie zu den Leuten, die in der Regel von Weiterbildung ausgeschlossen sind. "Ich hatte mir schon lange eine volle Stelle und einen festen Vertrag gewünscht." Lang hat die zwei Jahre Weiterbildung durchgehalten. Neben dem Job in der Freizeit noch lernen zu müssen, sei ihr schwer gefallen, "aber ich habe es geschafft". Jetzt ist sie Facharbeiterin und hat eine volle Stelle.

Qualifizierung für ältere, ungelernte Beschäftigte und langfristige Personalentwicklung wie bei Bürkert bleiben Ausnahmen. "Ein Vorstandsvorsitzender würde von seinen Aktionären oder den Finanzhaien der Rentenfonds und Banken gefeuert, wenn er vorausschauend planen würde", stellt Professor Ernst Kistler vom Internationalen Institut für empirische Sozialökonomie fest.

Das mittelständische, nicht tarifgebundene Unternehmen Bürkert hat keine Aktionäre im Nacken, sondern Gesellschafter imRücken, die einen "Code of Contact" unterschrieben haben. Darin steht etwa, dass es ein angemessenes Verhältnis von Arbeits- und Freizeit geben muss. Was Personal-chef Gebert so übersetzt: "Der Mitarbeiter ist wertvoll, er braucht Freiraum für sich, dann hat er auch innovative Ideen für die Arbeit." Damit das gelingt, hat Bürkert Mobilzeit eingeführt. Jeder Fünfte der etwa 1000 Beschäftigten nutzt die Möglichkeit, die Arbeitszeit nach eigenen Wünschen zu reduzieren.

Die Modelle sind inzwischen so vielfältig, dass Gebert sie kaum mehr zählen kann. Mobilzeit wird genutzt, um sich um die Kinder zu kümmern - "überraschend, wie viele männliche Ingenieure das nutzen" -, um ein Haus zu bauen - "wir sind ja Schwaben". Oder um sich beruflich weiterzubilden.

Auszeit für Weiterbildung

Christian Ellwein hat beispielsweise die Hälfte seiner Arbeitszeit für Bürkert gearbeitet und die restliche Zeit an seiner Doktorarbeit geschrieben. Eine Betriebsvereinbarung legt fest, dass jeder Mobilzeitler von seinen zwölf, 15 oder 23,5 Stunden jederzeit auf Vollzeit zurückkehren kann. "Wir versuchen jeden Wunsch zu realisieren", sagt Gebert. Das sei Teil der Unternehmenskultur. "Wir brauchen Mitarbeiter, die mit ihrem Leben zurechtkommen."

Damit setzt sich Bürkert ab von dem Modell, in jungen Jahren voll zu arbeiten und im Alter kürzer zu treten. "Das Gegenteil kann ebenso sinnvoll sein", sagt Martina Morschhäuser vom Institut für Sozialforschung und Sozialwirtschaft in Saarbrücken. Wer sich in jungen Jahren Auszeiten zur Regeneration oder beruflichen Weiterbildung nehme, erhöhe auch dadurch die Chancen, gesund in Rente zu gehen.

Statt ein Arbeitszeitmodell für alle zu propagieren, könne es sinnvoller sein, wenn Arbeitnehmer Volumen und Verteilung von Arbeitszeit individuell und passend zur Lebensphase wählen könnten

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